Interview zur Einführung des B.A. Philosophie mit PD Dr. Johannes Hübner
Dr. Johannes Hübner ist seit 2000 wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Philosophie der LMU. Er ist neben seiner Arbeit im Fakultätsvorstand und Fakultätsrat zuständig für die allgemeine Fachstudienberatung in Philosophie. Johannes Hübner betreute als Hauptkoordinator die Einführung des Bachelor-Studiengangs Philosophie im Wintersemester 2009/10.
Die LMU führte zum Wintersemester 2009/10 den Bachelor-Studiengang Philosophie ein. Was ist neu?
Die LMU hat `breite Nebenfächer` entwickelt. Der Bachelor-Studiengang erschwert die Kombination der Fächer, weil Überschneidungsfreiheit von Haupt und Nebenfächern garantiert werden muss. Die `breiten Nebenfächer sollen einen höheren Wahlbereich ermöglichen. Ein Beispiel wäre etwa Sprache, Literatur und Kultur; in dessen Rahmen könnte man sich etwa auf NDL spezialisieren, hätte aber mehr Ausweichmöglichkeiten. Neben Philosophie gibt es fünf weitere dieser ‚breiten Nebenfächer’. Die Idee kam von der Hochschulleitung, da die Wahl des Nebenfaches sich als größtes Problem im Bachelor herausgestellt hat.
In der Philosophie ist die Abbrecherquote eklatant hoch. Erwarten Sie durch die Einführung des Bachelors eine Senkung der Abbrecherquote?
Für den Magister-Studiengang galt zuletzt eine Abbrecherquote von 78%. Das ist zwar im Vergleich zu anderen Studiengängen hoch, aber für uns eine Verbesserung. Die Hoffnung, die Quote weiterhin zu senken, ist berechtigt, ja. Das Bachelor-Studium wird sozusagen abgestottert. Zum Ende hin erwartet den Studenten keine hohe Hürde im Sinne einer großen Abschlussprüfung. Das war beim Magister-Studiengang anders. Natürlich gibt es da noch die Bachelor-Arbeit. Aber die ist nichts anderes als eine Hauptseminararbeit im Magister. Zudem findet durch die kontinuierliche Leistungsprüfung eine frühere Selektion beim Bachelor statt.
Warum wird kein Master-Studiengang angeboten?
Nicht in allem, was wir tun, sind wir frei! Wir müssen uns stets an die Vorgaben der Verwaltung oder des Ministeriums halten. Ein Master-Studiengang darf erst nach drei Jahren angeboten werden. Also erst dann, wenn der erste Bachelor-Jahrgang einen Abschluss vorweisen kann. Bis zum Sommersemester 2012 werden wir noch Magister-Studenten annehmen.
Philosophie auf sechs Semester zu beschränken, ist das der Bruch mit der humanistischen Tradition deutscher Universitäten? Führt das nicht zu einer starken Verschulung des Studiums?
Der klassische Bildungsgedanke ist durchaus gefährdet. Die Einführung des Bachelors ersetzt ‚Bildung’ durch ‚Ausbildung’. Die Selbstverantwortung geht zum Teil perdu. Wahrscheinlich werden sich im Laufe der Zeit damit auch die Erwartungen der Studenten selbst verändern. Sie werden wohl mit der Aufnahme des Philosophie- Studiengang zunehmend das Abspulen eines Programms einfordern. Doch eigentlich widerspricht die Philosophie sich selbst mit der Frage nach dem ‚Was kann ich damit machen?’. Sie ist ein Studium um ihrer selbst willen. Der Bachelor fordert diese Frage aber ein. Ich befürchte, die Studenten werden sich zunehmend an dieser Frage orientieren. Das reine Interesse an der Sache selbst geht damit verloren.
Wie viel Widerspruch kam aus den eigenen Reihen? Was waren die Argumente der B.A. Gegner? Die der B.A. Befürworter?
Kaum jemand findet den Bachelor gut. Für den Bachelor spricht die Reduzierung der Abbrecherquote. Dagegen spricht unter Anderem die massive Verschulung. Es entspricht nicht dem Wesen der Philosophie, ein Stofflernprogramm abzuspulen. Die Struktur, die der Bachelor-Studiengang vorsieht, ist nicht für alle Fächer gut. Die Einführung des B.A. war aber ein unausweichlicher Prozess.
Wieso? Die Geisteswissenschaften sind augenblicklich nun mal nicht das Aushängeschild der LMU. Querstellen konnten wir uns nicht, sonst wären wir als Exoten oder Außenseiter dagestanden.
Findet nun eine Kanonisierung der Philosophie statt? Was gewinnen die Studenten daraus? Was verlieren sie?
Die Studenten gewinnen eine starke Übersichtlichkeit. Der Student wird, um es positiv zu formulieren, an der Hand genommen. Das ist dann letztendlich eine Typfrage, ob man das befürwortet oder eher das selbständige Arbeiten vorzieht. Hervorzuheben ist dann noch, dass man viele kleine Hürden zu nehmen hat, anstatt eine große am Schluss. Das fördert den Optimismus, den Abschluss auch wirklich zu erreichen. Zudem erhält man eine solide und vernünftig strukturierte Ausbildung. Eine besonders positive Neuerung ist das Format des Essay-Kurses, das es beim Magister bedauerlicherweise nicht so gegeben hat. Man lernt durch das ständige Essay Schreiben, Probleme zu formulieren, und das ist essenziell in der Philosophie.
Verlieren werden die Studenten die Freiheit in der Wahl. Der Wahlbereich wird stark zurückgefahren, was auch einen Verlust für die Dozenten bedeutet. Die Studenten haben nicht mehr die Möglichkeit, sich intensiv Zeit für ein Thema zu nehmen. Auch die Dozenten werden unter diesem Zeitdruck leiden. Die Seminararbeiten müssen spätestens zur Mitte der Semesterferien eingereicht werden, da das Prüfungsamt die Noten braucht. Das nötigt die Dozenten zum Beispiel, eine maximale Anzahl an Zeichen für die Arbeit festzulegen. Da entwickeln sich Zwänge heraus, die im Magister nicht existiert haben. Die Prüfungsvorgaben sind einfach nicht förderlich. Alles wird definiert. Es wird versucht, durch quantitative Maße Dinge vergleichbar zu machen, die nicht vergleichbar sind. Man suggeriert objektive Vergleichbarkeit zwischen all den unterschiedlichen Studiengängen, das ist Unfug.
Wissenschaftliches Arbeiten, Lektürekurs und Essaykurs: an wessen Standards orientiert man sich?
Das entscheidet die Lehrplankonferenz. Es gibt keine definierten Standards. Wir verlassen uns da auf die Vernunft des Dozenten. Der B.A. definiert zwar quantitativ, aber nicht inhaltlich.
Was kann nun der Münchner Absolvent mit einem Bachelor in Philosophie anfangen?
Im Grunde haben wir an den Bachelor die gleichen Erwartungen wie an den Magister. Wenn man sich für die Wissenschaft berufen fühlt, dann studiert man im Anschluss einen Master. Wenn einem die Wissenschaft nicht liegt, dann steigt man in einen Beruf ein. Wir werden versuchen, die berufliche Orientierung besser zu fördern, indem wir etwa Praktikumsangebote an der Fakultät ausschreiben werden. Was der B.A.-Absolvent vorweisen kann, ist ein guter Umgang mit Texten. Er weiß, wie er sich geeignete Informationen beschaffen kann. Er hat gelernt zu argumentieren und Argumente zu erkennen. Die Fähigkeit zur Kritik zeichnet ihn zudem aus. Für ihn eignen sich insbesondere sprachbezogene Berufszweige. Das Schlagwort des ‚vernetzten Denkens’ fasst das alles sehr gut zusammen.
Das Interview führte Sophie Kölbl
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