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02.06.2009
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Eine Freundschaft im Unterbewusstsein

Ich habe einen Freund -  nennen wir ihn einfach mal Henning - und ich glaube, dass es ihn eigentlich gar nicht gibt. Dabei ist dieser Verdacht über seine Nicht-Existenz nicht über die Nacht entstanden, sondern allmählich gewachsen in den letzten Jahren. Seit 5 Jahren kenne ich ihn schon, seitdem haben wir Vieles zusammen unternommen, meistens absurde Sachen wie unbewachte Baukräne hochklettern oder alte Feuerlöscher auf ihre Löschkraft hin überprüfen im Stadtpark - also eigentlich nur Dinge, die man vernünftigerweise gar nicht wollen kann. Das moralische Gesetz in mir, wie Kant sagt, verbietet es, solche sinnlose Sachen überhaupt zu wollen. Trotzdem passiert jedes Mal, wenn ich mit Henning unterwegs bin, irgendeine Absurdität, jedes Mal entscheide ich mich gegen meine Rationalität. Wenn er in der Nähe ist, dämmert es gleichsam in meinem Bewusstsein; der kategorische Imperativ wird ausgeblendet, die goldene Regel verrostet wie ein altes Stück Kupfer. Dann braucht er nur noch zu sagen: "Komm Sool, das wolltest du doch schon immer mal machen!" - so wollte ich letztes Mal mit allem Ernst eine Löwen-Statue zu Boden zwingen auf der Leopoldstraße, ohne dass es jemals mein innerster Wunsch gewesen ist, eine Plastik-Bestie mit bloßen Händen zu erlegen. Was passiert hier mit meinem kultivierten Bewusstsein?

Es gibt nur einen Weg, diesen unerklärlichen Phänomenen eine sinnvolle Deutung zu verleihen. Alles würde mehr Sinn machen, wenn Hennings Existenz  eine inszenierte Illusion wäre, ein Phantasieprodukt des Unbewussten. Denn ich bin mir sicher, dass mein unterdrücktes Unterbewusstsein schon immer nach Mitteln suchte, über die es seine dunklen, bösen Begierden ausleben kann - da erschuf es den Henning, quasi als ein Tor für das libidinöse Ungeheuer in mir. Aber ich lasse mich nicht länger betrügen, nachdem ich den hinterlistigen Plan des Unbewussten durchblickt habe - Henning soll wieder in seine Nicht-Existenz zurückverbannt werden, und ich soll wieder volle Herrschaft über mein Selbst gewinnen. Also verabredete ich mich mit ihm auf ein Bier, tat so, als wüsste ich nichts von seinem listigen Vorhaben - ich zielte auf den Überraschungsvorteil. Als wir das Lokal verlassen wollten, fiel mir auf, dass ich kein Geld dabei hatte für das Getränk, und daraufhin zahlte Henning für uns beide. Da wurde mir aber mit einem Schlage klar, welchen wirtschaftlichen Vorteil diese merkwürdige Freundschaft bedeuten könnte - schließlich wird man ja nicht immer eingeladen, auch nicht von seinem eigenen Unterbewusstsein. Dann beschloss ich, meinem Kumpel Henning vorläufig weiterhin die Existenz zu gewähren. Mindestens so lange die Wirtschaftskrise andauert und seine Kreditkarte noch funktioniert.

studilux/ps

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