Imaginäre Zahlen
Trotz der divergierenden Meinungen über das Wesen der Studiengebühren sind wir alle einig über eine Sache: Studiengebühren, wie viel oder wenig sie in der Tat sein mögen, stellen eine reale Last dar für die Studenten. Denn 500 Euro im Semester selbst zu verdienen ist zwar keine Unmöglichkeit für einen normalen gesunden Studenten, aber doch wäre es besser für uns alle, wenn wir die Zeit und Energie im Wert von 500 Euro in etwas anderes investieren könnten, was mehr Selbstentwicklung verspricht als in einer hässlichen (und meist auch trotz des Rauchverbotes verrauchten) Kneipe zu servieren oder auf dem Marienplatz unschuldige Passanten mit absurden Umfragebögen zu quälen.
Ich persönlich bin ein Hobby-Mathematiker, der noch während der Ausführung seiner bescheidenen Nebenjobs im Kopf rechnet, wie viel Sekunden Arbeit nötig sind für die Studiengebühren (nämlich 22500 Sekunden bei einem Stundenlohn von 8 Euro), und deswegen war ich stets auf der Suche nach einer mathematischen Lösung dieses Problems. Und das hat sich gelohnt, neuerdings ist mir tatsächlich eine perfekte Lösung für den gesamten Problemkomplex Studiengebühren eingefallen wie vom heiligen Geist. Die ist eine solche makellose Antwort auf all die Fragen, die seit der Einführung von Studiengebühren von allen Seiten aufgeworfen worden sind, sodass ich kaum Zweifel daran habe, dass die Bundesregierung meine Lösung ohne Zögern mit sofortiger Wirkung umsetzen wird, sobald sie davon erfährt.
Erstens müssen wir ein kleines i hinter der Zahl 500 schreiben, überall, wo diese als die Höhe vom Studienbeitrag vorkommt. Dann kostet das Studium jetzt 500i Euro statt 500 Euro pro Semester. Das fällt niemandem auf, paar Scharfsinnige werden sich vielleicht wundern, warum derselbe Druckfehler so regelmäßig vorkommt, aber da es keine staatliche Einrichtung gibt, bei der man sich über so etwas beschweren kann, kommt uns nichts in den Weg. Nachdem wir diese kleine Umschreiberei vollbracht haben, definieren wir i als die sogenannte imaginäre Zahl, also als die Lösung von √-1. Diese Zahl heißt imaginär, weil die in der natürlichen Welt nicht vorkommt, welche Zahl ergibt schon die -1, wenn man sie quadriert? Es gibt einfach keinen Apfel auf der Welt, bei dem man plötzlich einen Apfel zu wenig hat, weil man ihn so oft genommen hat wie dessen Anzahl. Wenn das so wäre, würde das verheerende Konsequenzen haben in der Landwirtschaft, und wir hätten keine, oder sogar weniger als keine Äpfel zum Essen - und was wäre das für eine Welt!
Also man sieht ziemlich schnell, warum es auch gut ist, dass sie bisher nur imaginär war. Aber jetzt haben wir sie trotzdem in die reale Welt eingeführt, zum Wohl der Studenten und zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Mit der Definition von i ist der rein gedanklich-mathematischer Teil dieses Projektes schon zu Ende, der Rest muss von jedem Student selber durchgeführt werden, es geht ja letztlich um uns.
Für diesen zweiten praktischen Schritt braucht man ein beliebiges Geldinstitut, bei dem man sich 250.000 Euro ausleiht. Das klingt vielleicht ein wenig unrealistisch, weil keine Bank darauf Lust hat, einem Studenten so viel Geld zu leihen. Aber nachdem sich der ganze Bundestag von dieser Lösung überzeugt haben wird, kann das ja durch eine geschickte Gesetzgebung schnell gelöst werden, die Banken müssen uns eben Geld leihen, so viel wie wir wollen - zum Wohl der ganzen Gesellschaft. So, jetzt hat jeder sozusagen 250.000 Euro Schulden bei der Bank, wir könnten also auch sagen, dass man -250.000 Euro besitzt, statt 250.00 Euro Schulden zu haben, das klingt gleicht so viel besser.
Jetzt muss man nur noch die Wurzel aus diesen -250.000 Euro ziehen, und siehe, da sind die gewünschten 500i Euro! Die 250,000 Euro kann man dann gleich wieder zurückzahlen, die Banken freuen sich, weil alle so schnell zurückgezahlt haben und sie sich doch nicht als pleite erklären müssen - die Universitäten freuen sich über das Geld, und wir uns schließlich auch, weil wir endlich mehr Freizeit haben und uns endlich einen langen, schönen Sommerurlaub gönnen dürfen. Nach einer Zeit werden wahrscheinlich die Universitäten merken, dass dieses Geld wertlos - eben imaginär - ist, aber ich bin indessen fest davon überzeugt, dass auch hierfür eine mathematische Lösung existieren muss. Wenn nicht, müssen wir uns halt wieder Ferien- und Nebenjobs suchen, hoffentlich werden wir dabei nicht imaginär bezahlt!
studilux/ps
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