Das Gleichnis vom verlorenen Schloss
Einem kann eigentlich alles geklaut werden - Geld, Autos, Ideen, Geliebte - aber eine Sache hatte ich für unklaubar gehalten: mein Fahrradschloss. Und wie es oft im Leben so ist, geschah gerade das als unmöglich Geglaubte; jemand hat das Schloss einfach mitgenommen, als ich es für paar Minuten unbewacht vor der Wohnungstür liegen ließ. Es war eins dieser teuren Bügelschlösser, die wertvolle Fahrräder vor Diebstählen schützen sollten. Dabei war mein Fahrradschloss, laut der Angaben des Herstellers, einer der unzerstörbarsten Gegenstände im Universum; sägefest, korrosionsfest, mit 6 Tonnen Ausreißfestigkeit - wahrscheinlich hätte es sogar kleinere Bombenanschläge überlebt, wenn es mir nicht gestohlen worden wäre. Aber dieses Ding, das einzig und allein dafür gebaut ist, andere Objekte vor Diebstählen zu schützen, konnte sich selbst nicht schützen vor demselben grässlichen Schicksal - welch eine Ironie!
Nach dem genannten Vorfall musste ich mich erst einmal zurückziehen in mein Zimmer und über das gerade Geschehene gründlich reflektieren. Die Frage war dabei nicht, wie ich den Täter findig machen könnte und wie eine angemessene Rache an diesem aussehen würde etc. Es war vielmehr eine Frage über den psychischen Zustand des Täters. Welche Motivation kann einen Menschen dazu bewegen, ein geschlossenes Schloss ohne Schlüssel mitnehmen zu wollen, was bringt ihm überhaupt dieser Gegenstand? Es brach mir fast das Herz daran zu denken, dass mein beliebtes Fahrradschloss jetzt vielleicht als Papierbeschwerer missbraucht werden könnte, eine wahrhaft entwürdigende Aufgabe für ein High-End-Fahrradschloss.
Dann suchte ich tagelang verzweifelt nach dem Schloss; ich befragte wahllos Leute aus meinem Wohnheim, Aushänge gemacht mit Finderlohn, eine Kerze in der Ludwigskirche angezündet - nichts. Denn an ein neues Fahrradschloss war nicht zu denken. Wie soll ich es denn vor diesen scheinbar völlig irrationalen Dieben schützen? Etwa durch ein weiteres Schloss, und dies wiederum durch ein anderes usf.? Am besten bräuchte ich unendlich viele Schlossesschlösser, damit ich vor vernunftlosen Diebstählen sicher wäre. Beinahe war ich dabei, mein Fahrrad auf Ebay zu versteigern, da ich mich der schlichten Aufgabe nicht gewachsen fühlte, es weiterhin im Besitz zu halten. Dann kam der Anruf, das Schloss sei gefunden worden. Die Kinder vom benachbarten Jugendheim haben es auf ihrer Spielwiese gefunden, hieß es. Das verlorene Schloss ist also wieder zum barmherzigen Vater zurückgekehrt, ich vergebe ihm auch ohne weiteres seinen Fremdgang. Aber interessant wäre es dennoch zu wissen, was es sonst noch an verlorenen Gegenständen auf dieser magischen Spielwiese gibt; vielleicht Autoschlüssel ohne Autos, gebührenfreie Studienplätze, oder doch unsere erste Liebe? - Schade, dass mein Fahrradschloss mir davon nichts erzählen kann.
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