Wir werden alle Taxifahrer
Es gibt Studiengänge, da weiß man ziemlich genau, was damit anzufangen ist und was nicht. Wer gottgesegnete Fächer wie Medizin, Jura, BWL studiert, weiß einfach, dass man nach dem Studium eben ein Arzt, Jurist oder Manager wird, oder es zumindest werden sollte. Aber was ist mit dem Rest von uns, die Germanistik, Philosophie, Soziologie oder andere hoffnungslosen Sachen studieren, was soll denn einmal aus uns werden, wenn wir ausstudiert haben? Die naheliegende Antwort, dass man nämlich Germanist, Philosoph oder Soziologe werde, ist leider nicht wirklich hilfreich für die Betroffenen. Dazu stelle man sich mal vor, auf unseren Visitenkarten würde irgendwann mal stehen: "Herr soundso, Anglizist und Metaphysiker". Ja, da merkt man schnell, dass hier was nicht stimmt - für manche von uns scheint es einfach keine Musterlösung zu geben, was das zukünftige Berufsleben angeht. Es erweckt beinahe den Anschein, dass manche unter der ewig andauernden geistigen Pubertät und Selbstfindungsphase leiden müssen, während andere unbekümmert vorwärts kommen im Leben und jede Menge Erfolg und Glück erringen dürfen. Ob es sich aber wirklich so verhält?
Die Frage ist natürlich falsch gestellt. Denn Selbstzweifel ist ein elementarer Bestandteil jedes gesunden Studentenlebens, selbst wenn man eins der "berufssicheren" Fächer studiert. Man wird ja so oft Ersti-Partys oder ähnlichen Verstaltungen gefragt nach seinen Zukunftsplänen, diese Sorge um eigene Zukunft ist scheinbar allgegenwärtig. Und ärgerlich ist es, wenn man den hübschen Mädels (bzw. Jungs), die man gerade kennengelernt hat, erzählen muss, dass man keine Ahnung habe über seine eigene Zukunft. Da wirkt man so unbedeutend und aussagelos, denkt man. Aber soll man sich deswegen irgendwelche ich-werde-Investmentbanker-in-Singapur-Geschichten ausdenken, um sich gleich eine Stufe attraktiver erschienen zu lassen? Diese Gewissensfrage ist sicher nicht trivial, zwischen Ehrlichkeit und Cool-Sein zu entscheiden, aber ich habe inzwischen meine eigene Lösung gefunden, die manch anderen auch schon bekannt sein durfte: ich sage einfach "Klarer Fall, ich werde Taxifahrer!". Fragt man mich, ob ich das denn ernst meine, erzähle ich auch noch von meiner wöchentlichen Pflichtveranstaltung "Proseminar: Einführung in die Praxis des Taxifahrens und poststrukturalistische Semantik des Taxometers". Dann ist erstens für eine Runde Lachen gesichert, und dem Ehrlichkeit-Coolheit-Dilemma ist man auch entkommen, womit man sich getrost anderen schönen Aspekten einer Ersti-Party zuwenden kann, wie es sich gehört.
Aber spätestens wenn man am nächsten Tag verkatert in seiner langweiligen Lehrveranstaltug sitzt, die nicht das imaginäre Taxifahrer-Seminar ist, holt einen der Ernst des Lebens ein. Man muss jetzt eben dasjenige Thema zu Ende denken, was gestern mit Humor und ein bisschen (oder sehr viel) Alkohol verdrängt wurde - man kann ja schließlich nicht wirklich Taxifahrer werden, nachdem man jahrelang studiert hat. Ein vernünftiger Mensch soll doch an vernüftige Berufe denken, wie z.B. Lehrer. Aber dann muss man ja auf Lehramt wechseln, und es ist ehe anstrengend, den ganzen Tag mit undankbaren Kindern zu verbringen. Wie wäre es mit Professur? Schöner Gedanke, aber damit ein Platz in nächsten 10 Jahren frei wird, müsste idealerweise ein Lehrstuhlinhaber unerwartet sterben, auf den sich dann hunderttausend andere bewerben... Auf solche Weise kann man mühelos die Berufsliste von Arzt bis Zoologe durchgehen, nur nützt uns auch dieses Vorgehen recht wenig. Es kann sicher wunderschön sein, sich im unendlichen Raum der Phantasie gleichsam unendlich frei zu fühlen, da will es einem scheinen, als wäre man wirklich all das, was denkbar ist. Und dabei fällt einem gar nicht auf, dass man gerade wieder eine Vorlesung weggeträumt hat, und es gibt gar nicht so viele Vorlesungen im Leben, dass uns irgenwann der Stoff für Tagträume ausgehen wüde - die Möglichkeiten eines Menschen sind wie gesagt unendlich. Aber bemerkt werden muss, dass das Leben eines Menschen dagegen eine endliche Dauer hat - der Film geht irgendwann halt zu Ende, und wenn die Popcorns des Lebens nicht aufgegessen werden, muss man sie eben wegschmeißen. Und so kommen wir zu einem weiteren Schluss: der Satz "ich werde Taxifahrer" hat einen unendlichen Vorteil gegenüber allen anderen Sätzen über die eigene Zukunft, der Satz hat fast eine magische Wirkung. Denn hat man sich einmal zu diesem Satz gefunden, scheinen die ganze Träumerei und Selbstquälerei bezüglich der Idenditätsfrage sinnlos zu sein, denn man weiß schon, dass es Zeit- und Energieverschwendung ist, endlos nur zu träumen und nie konkret zu werden.
Noch einer weiteren Sache bin ich mir sicher. Die großen Denker haben sich bestimmt auch als junge Erwachsene gefragt, was sie eigentlich machen sollen mit dem Zeug, was sie trieben. Und hätte es zu Sokrates Zeit Taxifahrer gegeben, hätte er sich bestimmt mal in Erwägung gezogen, ob er auch nicht einer werden wollte. Und auf der Ersti-Party nach seinem Zukunftsplan befragt, hätte er statt seines berühmten „ich weiß, dass ich nichts weiß“, sondern „ich weiß, dass ich Taxifahrer werde“ als Antwort gegeben. Freilich wäre er trotzdem später Philosoph geworden, aber das örtliche Taxiunternehmen hätte nicht einmal das geringste Bedauern ausgedrückt über den Verlust des potenziellen Mitarbeiters. Genauso wenig wird man dort über uns klagen, wenn wir später unserem Traum als Taxifahrer untreu werden sollten und überraschenderweise etwas völlig anderes werden. Also: lasst uns alle Taxifahrer werden, das spart uns eine Menge Energie, und man kann dabei wirklich nichts verlieren.
studilux/ps
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