Whisky und Seemänner
Das Alpha und das Omega der Männerseele
Alle Männer sind bekanntermaßen Alpha-Tiere. Das heißt nicht, dass wir alle mit der gleichen Menge an besonderen Eigenschaften ausgestattet sind; etwa Kampfbereitschaft, Führungskraft, Muskelmasse und Trinkfestigkeit - nein, das heißt nur, dass jeder Mann sich selbst eine besondere Stellung in der Welt zuschreibt. Er ist nämlich der Höhepunkt des Seins, die Krönung der Schöpfung, der Sinnbringer in der gottlosen Welt - und zwar er allein. Jedoch nicht bei allen männlichen Homo Sapiens ist das Alpha-Tier-Sein im gleichen Maße ausgeprägt. Es gibt in unserer Zeit wohl all zu viele, die höchstens im unkontrollierten Tiefschlaf davon träumen, die Welt mit bloßen Händen vor dem Untergang zu retten und auf andere Weisen Superhelden zu sein, aber sonst friedliche, harmlose Mitmenschen sind. Ich nenne diese Menschen die schlummernden Alpha-Tiere. Das Tier in ihm döst vor sich hin, die Früchte der Zivilisation - Macbook, Latte Macchiato und Jamie Oliver - haben es gezähmt und schließlich fast geschafft, es für Ewigkeiten zu einzuschläfern.
Aber nur fast! Denn es gibt Momente, wo Männer ganz das werden, wozu uns die Natur bestimmt hat. In solchen Momenten wird man von uralten Instinkten und Motivationen "übermannt", und unsere Seelen unternehmen eine ganz eigenartige Zeitreise in eine Millionen Jahre alte Vergangenheit, um wieder zu Urmenschen, oder Urmännern, zu werden. Ohne jegliche regulierende Funktion des zivilisierten Bewusstseins, oder den geringsten Zweifel an der Allmacht unserer Muskeln zu haben, kommen wir auch geistig in einen hemmungslosen Zustand, wo wildeste Gedanken und Ideen auftauchen. Wie man leicht erraten kann, tritt ein solches Phänomen beim Einnehmen von hoch- prozentigen Schnäpsen aus Schottland mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit ein. So konnte ich einmal auf einem Whisky-Abend beobachten, wie die gedankliche Wildheit in eine eigentümliche Theorie über die Liebe mündete. Das Thema waren Fernbeziehungen. Alle waren sich einig: Eine schmerzhafte, zermürbende, herzzerreißende Form der Partnerschaft. Alle, bis auf einer, der eine vollkommen andere Ansicht vertrat. Er hatte nämlich ganz plötzlich die Erleuchtung, dass Fernbeziehungen das Beste seien unter allen denkbar möglichen Beziehungsformen. Wir müssen leben wie die Seemänner, sagte er, die auf jedem Kontinent eine andere Frau haben! Und das erweckte endlich das schlummernde Alpha-Tier in uns, wir jubelten alle diesem neuen Liebesideal zu, das Seemänner-Leben erschien uns in diesem Augenblick als die einzig erstrebenswerte Daseinsform, und keine mindere war es würdig, von uns gelebt zu werden.
Die weiteren Einzelheiten dieser Diskussion sind mir leider nicht im Gedächtnis geblieben, diese erlagen vermutlich der Diktatur meines zivilisierten Bewusstseins und wurden polizeilich verschleppt von meinem Über-Ich, mit der verharmlosenden Erklärung "ich hatte einen Filmriss". Trotz dieser diakonischen Gedankenzensur ist mir neulich aufgefallen, dass diese erstrebenswerte Lebensform, das Seemannsdasein einen logischen Fehler enthält. Denn was wäre, wenn es auf der anderen Seite Seefrauen gäbe, die dasselbe mit uns vorhätten? Was wäre, wenn die Welt nur noch aus solchen Seemännern und Seefrauen bestehen würde? Ich vermute, dass das die Alphatiere schnell vom Aussterben bedroht wären, verdrängt von deprimierten Omega-Tierchen die in Kneipen sitzend, nicht einmal im Whisky Erlösung fänden.
studilux/ps
© studilux.de 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der studilux GmbH
Diesen Beitrag kommentieren
Bitte beachte beim Schreiben Deines Leser-Kommentars auch die Richtlinien für Leser-Kommentare.
studilux auf Facebook
Themen Umfrage
Magazin Blog
Verfolgt den Fortschritt unserer Print Ausgabe! Münchner Studenten bauen das studilux Magazin auf!
Die neuesten Nachrichten von und über studilux! - Follow us ;-)















