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12.11.2009
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Revolution statt Resignation!

Eine Reportage über den Bildungsstreik vom 17. Juni

von Lydia Wünsch

Normalerweise war ich nie der Typ, der oft an Demonstrationen teilnahm und als politisch engagiert habe ich mich auch noch nie bezeichnet. Sicher, ich gehe brav wählen und informiere mich hier und da über aktuelle weltpolitische Geschehnisse; meistens nebenbei, wenn im Radio oder im Fernseher gerade Nachrichten laufen. Hin und wieder wird auch mal eine Tageszeitung durchgeblättert. Doch irgendwie sind die meisten Themen sehr abstrakt, scheinen sehr weit weg und nicht wirklich greifbar zu sein und, was hat das Ganze eigentlich mit mir zu tun?

Doch die aktuelle politische Situation um das Thema Bildung bringt selbst einen Politikmuffel wie  mich auf die Straße. Schließlich bin ich als Studentin in erster Linie betroffen, wenn es um die  Themen  Studiengebühren und Bachelor-Master Studiengänge geht. Ganz gleich, ob man das Geld für die Gebühren locker sitzen hat oder nicht, ob sie von den Eltern bezahlt werden oder man selbst dafür arbeiten muss. Die Tatsache alleine, dass Bildung plötzlich aus der eigenen Tasche gezahlt werden muss, ist Grund genug sich mit diesem Thema auseinander zusetzen und die aktuellen politischen Geschehnisse im Land zu verfolgen und in Frage zu stellen.

Die Kundgebung vor der Demonstration

Die Großdemonstration am 17. Juni 2009 war zwar nur eine von vielen Aktionen, die die Studentenvertretung der LMU ins Leben gerufen hat, gilt aber mit immerhin ca. 5000 Teilnehmern  in München und 10 000 in ganz Bayern als der bisherige Höhepunkt der Anti-Studiengebühren Bewegung. Und ein Erlebnis war sie obendrein! Bereits zwei Tage vorher begann auf dem Geschwister-Scholl-Platz ein sogenanntes Bildungscamp, das sich über die komplette Streikwoche erstreckte und unter anderem zur Mobilisierung von Demonstranten diente. Dies schien allerhand Früchte getragen zu haben, denn als ich am besagten Mittwoch gegen halb zehn am Geschwister-Scholl Platz erschien, waren die Vorbereitungen, wie man mir mitteilte, bereits seit acht Uhr im vollen Gange und unzählige Schüler und Studenten hatten sich bei sonnigstem Wetter und sommerlichen Temperaturen zusammengefunden, um der Kundgebung beizuwohnen. Unter anderem waren sogar Politiker von den Grünen sowie Landtagsabgeordneter Martin Güll von der SPD anwesend. Ebenso wie Vertreter des Bayerischen Lehrerverbandes und des Elternverbandes, die sich alle bemühten mit mehr oder weniger feurigen Ansprachen die Stimmung für die Demonstration aufzuheizen. Auch die Sprecher der Studentenvertretung machten in ihren Ansprachen nochmal ihre Standpunkte klar und zählten die Argumente für unser Zusammentreffen auf. Vor allem wurde darauf hingewiesen, dass es nicht wie bei den vorherigen Demos nur um die Abschaffung der Studiengebühren ginge sondern um ein besseres Bildungssystem im Allgemeinen, was unter anderem die Abschaffung des G8 (8-jähriges Gymnasium), bessere Lernbedingungen, Abschaffung des Bachelor-Master- sowie des dreigliedrigen Schulsystems beinhaltet. Dazu hat man sich mit Schülern, Gewerkschaft und mit den streikenden Erzieherinnen zusammengeschlossen. Denn wie immer wieder betont wurde, fängt Bildung bereits im Kindergarten an und da sei es bereits wichtig eine gute Basis zu schaffen. Desweiteren wurde kritisiert, dass die Selektion in der vierten Klasse viel zu früh sei und man dadurch vielen Schülern den Aufstieg enorm erschwere, dass unser Bildungssystem  überholt sei und einem Industriestaat wie unserem nicht mehr gerecht werde. Als Vorbilder für ein geeigneteres System wurden die skandinavischen Länder herangezogen. Dort werden die Schüler nicht schon in der vierten Klasse aussortiert und es werde mehr auf die individuellen Fähigkeiten der Schüler eingegangen, anstatt sie wegen ihrer Schwächen abzustempeln, wie es derzeit hier zu Lande der Fall ist. Die Buhrufe, die auf diese Argumente folgten waren ohrenbetäubend und zeigten, dass die Ansprachen ihre Wirkung nicht verfehlten. Die Stimmung war wirklich auf dem Höhepunkt; ein Zeichen dafür, dass die Demo beginnen konnte.

Der Marsch durch Schwabing

Der revolutionäre Geist der Leute schien geweckt und der Marsch in Richtung Leopoldstraße konnte beginnen. Es war 11.00 Uhr Vormittag an einem heißen Julitag in München und ich war mitten in einer Masse von Demonstranten die lauthals, zur Musik - einer bunten Mischung aus Hip Hop, Rock und Pop - die aus den Boxen des LKWs ertönte riefen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“. Angestachelt von der Stimmung konnte ich mich natürlich nicht mehr halten und brüllte die, mittlerweile schon etwas abgenutzten und zugegebenermaßen nicht besonders geistreichen Parolen aus vollem Halse mit. Denn ganz ehrlich, selbst wenn man sich am Anfang noch ein bisschen komisch dabei vorkommt mitten am Tag wie ein betrunkener Fußballfan durch die Straßen zu laufen und dabei rumzubrüllen, so ist es doch auf irgendeine Art und Weise ein befreiendes Gefühl, seinen Unmut mal Luft machen zu können und dabei zu wissen, dass man nicht alleine mit seiner Meinung dasteht. Zudem erfüllten die Parolen auch noch ihren eigentlichen Zweck, nämlich alles und jeden auf der Leopoldstraße darüber zu unterrichten weswegen wir dieses ganze Unterfangen überhaupt anstellten. Denn schließlich sollten die Leute nicht glauben wir würden hier einfach nur Party machen. Um jegliche Missverständnisse zu vermeiden wurde die Musik in regelmäßigen Abständen abgedreht und die Sprecher die vorneweg auf dem Kleinbus fuhren wiederholten die Argumente und Forderungen der Streikenden. Selbst wenn wir wohl nicht jeden der sich zu dieser Zeit auf der Leopoldstraße befand von unserer Meinung überzeugen konnten, so zeigten wir zumindest, dass wir aufstehen und uns zur Wehr setzen. Wir zeigten außerdem, dass es Missstände im Land gibt, auf die Aufmerksam gemacht werden muss, damit Politiker nicht den Anschein bekommen „Studiengebühren seien kein Thema mehr“ und man könne sich so langsam mal Gedanken über eine Gebührenerhöhung machen.

In diesem Stil ging der Zug weiter und die Stimmung brach nicht ab. Ein Höhepunkt  war das  Erscheinen von Kultusminister Ludwig Spaenle, der vor einer Privatbank am Lenbachplatz  hielt  und sich sogar zu einem Gespräch bereit zeigte. Was bei der ganzen Sache herauskam war inmitten der Menge und den lautstarken Buhrufen nicht mehr wirklich zu verstehen, aber der Mann hätte in dieser Situation sowieso nichts sagen können, was von uns nicht niedergemacht worden wäre. Ich hörte nur irgendetwas von Verständnis, dass er angeblich für uns hätte und dass wieder mehr Geld für Bildung investiert werden müsse. Außerdem gäbe er uns vollkommen Recht, dass Kinder mit Migrationshintergrund benachteiligt seien und dass das ein großes Problem sei. Das Bildungssystem an sich stelle er natürlich nicht in Frage. Daran gilt es unter CSU-Abgeordneten scheinbar mit aller Macht festzuhalten. Wahrscheinlich, weil es sich ja auch so bewährt hat, wie wir alle spätestens seit der Pisa-Studie wissen.

Die Abschlusskundgebung

Gegen 13:30 fand schließlich die Abschlusskundgebung am Odeonsplatz statt. Ein Resumee über diese wirklich gelungene Demonstration wurde gezogen und die Sprecher der Studentenvertretung bewiesen uns mit ihren Abschlussreden, dass dies nur das vorläufige Ende des Streiks sein wird. Denn wie sie uns versprachen, werden die Aktionen im Herbst weitergehen (Siehe Termine) und selbst wenn noch keine Lösung des Problems in Sicht ist, so kann man zumindest sagen, dass die Stimmen der Demonstranten auf lange Sicht nicht verstummen werden. Wichtig für alle die sich gerne am Kampf für eine bessere und gerechtere Bildung beteiligen wollen sei es Augen und Ohren offen zu halten und sich nicht vor dem zu verschließen, was sich zurzeit an den Unis abspielt, denn es werden vor den diversen Demos immer Rundmails von den Fachschaften verschickt und Flyer mit Informationen verteilt wann und wo die nächste große Aktion sein wird. 

Die Demonstration neigte sich dem Ende entgegen, was nicht heißt, dass die Stimmung abriss, denn wir wurden nicht müde weiter zu schreien, zu rufen und zu klatschen. Im Rausche der Revolution und - jetzt am Ende muss ich es doch noch sagen – der wahrhaftigen 68-Stimmung ließen wir uns nicht beirren. Als ich mich dann nach einiger Zeit aus der trotzdem langsam lichter werdenden Masse löste um wieder ins normale Leben einzutauchen fühlte ich mich benebelt wie nach einer stundenlangen exzessiven Party. Langsam ging ich in Richtung Marienplatz, lauschte dabei den nicht abreißen wollenden aber doch immer leiser werdenden Stimmen der Parolen und Gesänge im Hintergrund und widerstand dem Drang wieder umzudrehen und weiterzumachen.

Termine und Links:

Demonstration am 17. November 2009
Kundgebung 9:00 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz 10:00 Start der Demonstration

http://www.bildungsstreik-muenchen.de/
http://twitter.com/bildung_muc
http://www.unibrennt.at/
http://www.studivz.net/Groups/Overview/4c1b28ffbb371053

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