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02.11.2008
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Sieches Unternehmertum

von Siegfried Breuer

Nicht im Markt, in der verfehlten Ausbildung liegt das Übel

Wenn unsere Marktwirtschaft die gegenwärtige Finanzkrise und die kommende Rezession nicht überstehen, wenn sie abgelöst werden sollte durch ein wie immer geartetes sozialistisches System - vorübergehend, denn sozialistische Systeme sind auf Dauer nicht lebensfähig - gibt es dafür einen Grund. Dieser Grund liegt tiefer, als finanztechnische oder betriebswirtschaftliche Ursachenforschung graben kann, denn er betrifft die Protagonisten der Marktwirtschaft, die Unternehmer. Das Unternehmertum in Deutschland ist am Ende, es siecht dahin, kann sich den Anforderungen einer Marktwirtschaft nicht mehr stellen. In manchem mittelständischen Betrieb mag es noch nicht infiziert sein und in jungen start-up-Unternehmen sogar vor Kraft strotzen, aber aus diesen Nischen kann nicht die Wirtschaft als Ganzes gespeist werden.

Denn zum Unternehmertum gehört mehr als die Fähigkeit, betriebswirtschaftliche Analysen zu erstellen, mehr als Renditeziele zu setzen und zu erfüllen und mehr als die Zukunft des Unternehmens in immer kürzeren Planperioden zu definieren. All das ist lediglich Handwerkszeug, ist ein Hebel, der lose nichts, setzt er aber an einem festen Punkt an, alles zu bewegen vermag. Auf die Marktwirtschaft übertragen ist der feste Punkt des archimedischen Prinzips die Ethik. Ethik im Sinne von persönlicher Integrität und gesellschaftlicher Verantwortung. Um einen guten Unternehmer abzugeben, bedarf es zusätzlich eines gesunden Gewinnstrebens. Ethik und persönliches Gewinnstreben schließen sich beileibe nicht aus. Erst wenn Ethik durch unbedingten Machtwillen ersetzt wird, entartet natürliches Gewinnstreben zur sich selbst zerstörenden Gier.

Woher nun rührt dieses Siechtum, das unser Unternehmertum - ich stelle bewusst auf die Zunft, nicht den einzelnen ab - ergriffen hat? Nach Ansicht des Psychologen Daniel Goleman "bezeugen die letzten drei Jahrzehnte einen drastischen Rückgang der grundlegenden sozialen und emotionalen Fähigkeiten." In seinem kürzlich im Spiegel veröffentlichten Artikel führt er diese Fehlentwicklung auf die Erziehung zurück. "Das für den Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen entscheidende limbische System", so fährt er fort, "ist diejenige Hirnregion, die anatomisch am spätesten reift, so dass ihre Entwicklung erst mit Mitte zwanzig abgeschlossen ist." Neben der Kindheit entscheidet also der Lebensabschnitt von Schule und Studium über die Ausprägung von sozialer und emotionaler Kompetenz.

Schule und Studium sind mit ihrem Leistungs- und Zeitdruck, der Konzentration auf bloße Vermittlung von Fachwissen und der Vereinsamung durch Computer und Internet aber immer weniger in der Lage, soziale und emotionale Kompetenz zu fördern. An den bedeutenden Wirtschaftshochschulen werden die Wirkungsmechanismen des Wirtschaftens vermittelt, die Frage nach dem Sinn ökonomischen Handelns wird nicht gestellt. Der Akademiker, der neben seiner Fachliteratur noch nie ein literarisch wertvolles, allgemeinbildendes Buch gelesen hat, ist leider keine Seltenheit mehr.

Die Konsequenz möchte ich an einem Beispiel aufzeigen, das vielleicht extrem erscheint, aber symptomatisch für den Verfall der unternehmerischen Ethik in unserem gesellschaftlichen Umfeld ist: Bei einem Staatsbesuch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl in Mexiko war ich zum Staatsbankett des mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo eingeladen. Ich hatte die Ehre neben einem jungen deutschen Unternehmer zu sitzen, den Herr Kohl regelmäßig auf seine Reisen mitnahm, da er in ihm ein Vorbild für die Jugend sah, einen Jungunternehmer, wie er nach Ansicht unseres Kanzlers sein sollte.

Es wurde ein ätzender Abend. Der vielgelobte Jungunternehmer war damals (1996) gerade einmal zwanzig Jahre alt und hatte sich schon ein kleines Firmenimperium aufgebaut, das Umsätze im dreistelligen Millionenbereich machte. Dieser "Junge, der an die Zukunft glaubt" (Originalton Helmut Kohl) zeigte sich außerstande einen vernünftigen Satz zu formulieren, der sich nicht auf seine Geschäfte bezog. So sehr ich mich an diesem Abend bemühte, bei ihm etwas zu entdecken, das über sein Interesse am Geldverdienen hinausging, es war erfolglos - Mexiko interessierte ihn nicht, hier war nichts für ihn zu holen, Menschen, die er bei seiner Reise getroffen hatte, klassifizierte er unter dem Aspekt seines persönlichen Fortkommens. Der weitere Werdegang dieses "echten Vorbilds" für die Jugend kann bei Wikipedia nachgelesen werden: Fehlspekulation und Zusammenbruch seiner Unternehmen ab 2000, Privatinsolvenz 2003, Ermittlungen wegen Betruges. Im Geschäft ist er anscheinend aber immer noch. Nach einem Bericht des Handelsblattes vom 16.10.2008 hat die Norddeutsche Landesbank seine neue Firma gerade auf 150 Mio. Euro Schadenersatz verklagt.

Das Bedenkliche an diesem Fall ist nicht die Person. Als Einzelwesen hat es diese Art von Unternehmer immer gegeben. Bedenklich ist die Anerkennung, die halbgebildete Egozentriker in unserer Gesellschaft genießen, wenn sie nur Geld machen. Sie hat letztlich zu der gegenwärtigen Finanzkrise geführt. Wenn wir jetzt nach der Ächtung einzelner Unternehmer rufen, die ihre Verantwortungslosigkeit besonders deutlich zur Schau gestellt haben, ändert das nichts. Die Mißstände einer engspurigen Ausbildung werden dadurch nicht beseitigt, der Ruf nach Ächtung führt allenfalls zur Verdammung der Marktwirtschaft insgesamt. Eine soziale, dem Menschen dienenden Marktwirtschaft ist aber das einzige uns bekannte Wirtschaftssystem, das Wohlstand und Freiheit vereinen kann.

Es besteht noch Hoffnung. Bei vielen jungen Akademikern auch in den Eliteschulen sehe ich eine Rückbesinnung auf menschliche Werte. Geld ist in der kommenden Generation anscheinend nicht mehr der alleindominierende Lebenszweck. Aber machen wir es ihnen nicht so schwer. Fordern wir nicht von ihnen eine Schulzeit, in der für Spiel kein Platz ist, nicht ein Studium das in kürzester Zeit absolviert werden muss und zwangsläufig zur Fachidiotie führt. Geben wir ihnen ein wenig mehr Zeit, sich auf das zu besinnen, was für sie selbst und für unsere Gesellschaft wichtig ist. Dafür wäre ich gerne bereit, eine weitere Verschiebung meines Eintritts ins Rentenalter hinzunehmen.

studilux/sb

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