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Lerntechniken - klüger werden mit System
Von Kay Szantyr
Auditiv, visuell und kinestäthetisch - das sind die drei bekanntesten Lerntypen. Jeder Lerntyp, so die Theorie, kann sich auf einem anderen Weg Wissen am leichtesten aneignen: durch Anhören, durch Lesen und Ansehen oder in Verbindung mit Bewegungen. Empfehlungen für jeden Lerntyp und Tests, um den eigenen Typ zu bestimmen, gibt es viele. Letztendlich brauchst Du sie aber alle nicht: Zum einen ist die Lerntypentheorie ohnehin umstritten, zum anderen gibt es ein paar Lerntechniken, die jedem das Lernen erleichtern.
Assoziationstechnik
Die vermutlich älteste der Lerntechniken, die Mnemo-Technik, wurde im antiken Griechenland entwickelt. Eigentlich stellt sie ein ganzes Bündel an Methoden dar, die darauf abzielen, effizienter zu lernen und das Gelernte länger im Gedächtnis zu behalten.
Die Assoziationstechnik basiert auf der grundlegenden Eigenschaft des menschlichen Gehirns, Wahrgenommenes sofort mit Bekanntem in Verbindung zu setzen. Diese so entstandenen Verbindungen (Assoziationen) lassen sich wesentlich leichter merken als losgelöste Fakten. Noch besser bleiben Gefühle im Gedächtnis haften. Auch Bewegungen oder die Einbeziehung der Sinne (Hören, Sehen, Tasten) helfen. Wer sich zu seinem Lernstoff also eine lebhafte Geschichte ausdenkt, bei der Emotionen aufkommen, vergisst ihn so schnell nicht wieder.
Wie aber soll man aus einem juristischen Fachtext eine emotional geladene Geschichte formen? Das ist tatsächlich schwierig - weswegen sich die Assoziationstechnik vor allem für "greifbares" Wissen wie in den Naturwissenschaften eignet. Für den Anfang empfiehlt es sich, beispielsweise Einkaufszettel auswendig zu lernen. Hier könnte die Geschichte beispielsweise mit einer einem Schneemann mit Rübennase (Karotten) beginnen, der in der Sonne zu Mineralwasser schmilzt. Ein durstiger Vogel mit nackter Brust kommt vorbei (Hähnchenbrust). Erst trinkt er, dann beginnt er, sich in dem Wasser zu wälzen, das zu schäumen beginnt (Badeschaum)...
Wer die Methode regelmäßig anwendet, stellt bald fest, dass er sich vieles im Alltag wesentlich leichter merkt. So werden auf jeden Fall schon einmal "Lernkapazitäten" für die wichtigeren Dinge - also das Studium - frei.
Ersatzwortmethode
Für trockene Fakten, beispielsweise Vokabeln, Fremdwörter, aber auch Namen eignet sich die Ersatzwortmethode besonders gut. Das zu merkende Wort wird in vertraut klingende, bildhafte Einzelbestandteile zerlegt.
Wer sich das Wort Thorax (Brustkorb) merken will, der könnte sich den Donnergott Thor mit einer Axt in der Hand vorstellen. Steckt diese Axt in seinem Brustkorb, gibt das zwar ein schauerliches Bild ab - die Abscheu, die man empfindet, brennt das Bild aber noch einmal tiefer in die Erinnerung ein. Aber auch wenn die Wörter, durch die man Teile des Ursprungswortes ersetzt, nicht vollkommen gleich klingen, ist der Erinnerungseffekt sehr hoch. Englische Vokabeln beispielsweise können im Gehirn als deutsche Wörter abgespeichert werden, solange man die englische Schreibweise zusätzlich "einprogrammiert". Dann merkt man sich das englische "Mice" (Mäuse), indem man ein Bild entwirft, auf dem Mäuse Mais knabbern.
Loci-Methode
Die Loci-Methode wird vor allem in Verbindung mit der Assoziations- oder Ersatzwortmethode richtig effektiv. "Loci" ist das lateinische Wort für "Orte". Diese Methode beruht auf der geistigen Verknüpfung von Orten bzw. einem Weg mit einem zu lernenden Stoff. Am besten sucht man sich Bilder, eventuell mithilfe der Ersatzwortmethode, und "legt" diese auf einem vertrauten Weg wie dem zur Uni an verschiedenen Orten ab. In jedem Haus am Wegrand befindet sich dann ein bestimmtes Thema oder Kapitel aus dem zu lernenden Buch, und in jedem Zimmer dann ein weiteres Detail zu diesem Thema. Will man sich an das Gelernte erinnern, schreitet man den üblichen Weg von Anfang bis Ende ab und sieht in jedes Haus und jedes Zimmer hinein. Alternativ können Häuser entworfen werden, die durch ihre Form an das Gelernte erinnern.
Als erstes wandert man im Geist den vertrauten Weg ab, so, wie man ihn kennt. Die Vorstellung der Orte und Häuser muss möglichst plastisch gestaltet werden. Diesen Weg wiederholt man einige Male, zum Schluss auch rückwärts. Dann werden die einzelnen Orte mit Lerninhalten verknüpft. Ein Beispiel für die Phasen der Zellteilung: Im Haus gegenüber ist ein Pro-Markt untergebracht (Prophase). Daneben steht ein seltsames Gebäude, das sehr hoch ist, aber auch sehr schmal - nur einen Meter breit (Metaphase). Das nächste Haus ist ein Bistro, auf dem in großen Lettern "Annas Café" steht (Anaphase). Und dann kommt ein kleines, dunkles Holzhäuschen mit grünen Fensterläden und einer Schweizer Fahne neben der Haustür. Es erinnert an den Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell - und symbolisiert die Telophase. Diese Straße durchwandert man nun ein paar Mal und stellt sich die einzelnen Häuser detailliert vor. So prägen sie sich tief ins Gedächtnis ein.
Speedreading
Lernen besteht zunächst oft aus reinem Lesen, um den Stoff zu überblicken und das, was wirklich relevant ist, anschließend für das eigentliche Lernen zu strukturieren. Hier könnte man viel Zeit sparen, wenn man schneller liest. Mit Speedreading geht das: Die übliche Lesegeschwindigkeit von 150 bis 200 Wörtern pro Minute kann sogar verdreifacht werden.
Beim Lesen bewegt sich das Auge nicht stetig von links nach rechts über die Zeilen, sondern springt immer wieder vor und zurück. So bringt das Gehirn beispielsweise ein am Ende der Zeile stehendes Verb wieder mit einem Substantiv am Satzanfang in Verbindung. Eigentlich ist dieses Springen aber nicht notwendig und kostet nur Zeit. Beim Speedreading entfällt es, weil so schnell gelesen wird, dass das Gehirn die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Satzteilen leichter herstellen kann - und auch zwischen den inhaltlichen Einheiten.
Das Lesen mit einem verschlossenen Stift oder Stäbchen in der Hand, das im Tempo des normalen Lesens unter der jeweils aktuellen Zeile entlanggezogen wird, ist der erste Schritt. Da die Augen den Stift zusätzlich zu den Buchstaben wahrnehmen, werden sie davon abgehalten, im Satz zurückzuspringen. Bereits das kontinuierliche "Nach-rechts-Lesen" steigert die Lesegeschwindigkeit und Konzentrationsfähigkeit deutlich.
Neben dem Zurückspringen ist eine typische Lese-Angewohnheit des Auges, auf bestimmten Wörtern oder Satzteilen länger zu verweilen. Meist bestehen diese Einheiten aus nur wenigen Worten. Erweitert man den Blickfokus, ist es durchaus möglich, innerhalb einer so genannten "Fixierung" einen größeren Satzteil wahrzunehmen. Unter anderem deshalb, weil bestimmte Wortfolgen sehr häufig vorkommen und manche Wörter, zum Beispiel Artikel, nicht unbedingt bewusst gelesen werden müssen. Profis nehmen sogar mehrere Zeilen auf einmal wahr.
Nicht zuletzt bremst auch das innere Mitlesen das Tempo, das heißt, das stumme "Mitsprechen" der Wörter. Theoretisch kann Schrift ohne den Umweg der inneren Vokalisierung direkt im Gehirn verarbeitet werden.
Speedreading ist eine von jedem zu erlernende Technik und verringert den Zeitaufwand beim Lernen deutlich. Allerdings gibt es viele kleine Tricks, um schneller lesen zu lernen. Die lassen sich am besten in Seminaren vermitteln - die inzwischen viele Hochschulen anbieten, um ihren Studenten das Studium zu erleichtern.
SQ3R-Methode
Auch die Methode mit dem komplizierten Namen "SQ3R" ist eine Lese- und gleichzeitig eine Lernmethode. Der Name setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen Survey, Questions, Read, Recite und Review.
Bei der ersten "Beobachtung" (Survey) des Textes macht man sich die Struktur bewusst. Gibt es Zwischenüberschriften, Kapitel, besondere Sinneinheiten? Die Fragen (Questions) bereiten weiter auf das Lesen vor. In ihnen wird formuliert, welche Unklarheiten bei dem jeweiligen Thema bestehen und wofür man sich Antworten erhofft. So schafft der Leser Neugier auf den Text: Wird er meine Fragen beantworten? Werde ich das erfahren, was ich wissen will?
Das eigentliche Lesen (Read) dient bereits der Strukturierung und Verinnerlichung des Stoffs. Die Inhalte werden gedanklich nachvollzogen, wichtige Stellen markiert. Bleibt etwas unverständlich, wird es einfach noch einmal gelesen. Der Sinninhalt der einzelnen Kapitel wird anschließend wiederholt (Recite). Der Leser soll in eigenen Worten zusammenfassen, was er gerade gelernt hat, und rekapitulieren: Wurden alle Fragen beantwortet? Beim letzten Schritt schließlich, der Rückschau (Review), wird der gesamte Text noch einmal wiederholt. Bei erneuten Unklarheiten heißt es: erneut nachlesen.
Durch die intensive und wiederholte Beschäftigung mit dem Textinhalt wird dieser sehr gut abgespeichert. Allerdings bedeutet die SQ3R-Methode selten eine Zeitersparnis, lediglich die Nachhaltigkeit des Lernens wird gesteigert. Und es gibt keine Abkürzung: Wer sich zum Beispiel die "Recite"-Phase spart, wird sich deutlich weniger merken können.
Gruppenarbeit oder stilles Kämmerlein
Lesen und Auswendiglernen sind einsame Tätigkeiten: Einen großen Teil der Zeit verbringen Studenten allein über den Büchern. Für manch einen ist das auch tatsächlich die beste Lernmethode. Er kann in Ruhe Assoziationsketten knüpfen, Grafiken und Exzerpte anfertigen und an seiner Schnelllesetechnik arbeiten. Für viele Studenten stellen aber auch Lerngruppen eine große Hilfe dar - selbst wenn die Fortschritte in einem Team zunächst geringer scheinen als bei der Einzelarbeit.
Lerngruppen haben den Vorteil, dass große Lerneinheiten automatisch in kleinere Stücke aufgebrochen werden. Es besteht die Verpflichtung, ein bestimmtes Kapitel oder Buch bis zu einem festen Termin bearbeitet zu haben - das hilft vor allem Studenten, die das Lernen gerne aufschieben. Auf der anderen Seite wird das bisher Gelernte so immer wieder überprüft. Stellt man dabei fest, dass der Stoff sitzt, verschafft das ein kleines Erfolgserlebnis. Und das ist sehr wichtig für die Motivation.
Bei der Suche nach der geeigneten Lerngruppe sollte darauf geachtet werden, dass
- die Gruppe nicht zu groß wird - sonst ist es zu einfach, zum stillen Zuhörer zu werden, statt aktiv mitzudiskutieren,
- ein Gruppenleiter oder Mediator bestimmt wird, der eingreift, wenn sich die Gruppe in nicht zielführenden Diskussionen verliert,
- die Mitglieder der Gruppe dieselben Ziele und ungefähr denselben Kenntnisstand haben - das gemeinsame Lernen von Erst- und Viertsemestern bringt meist wenig,
- von Anfang an Regeln für den Umgang miteinander, die Vorbereitung und die Art der "Lerntreffs" festgelegt werden, zum Beispiel Diskussionsrunde oder Referate Einzelner zu Fachthemen, das Vorgehen, wenn sich die Mitglieder nicht vorbereiten, und Ähnliches.
Lernen leichter gemacht
Richtig leicht wird Lernen auch mit der besten Lernmethode nicht: Es ist immer eine Anstrengung, viel Wissen in sein Gehirn zu stopfen. Viele Studenten könnten sich diese Anstrengung aber zumindest deutlich erleichtern. Und dann bleibt mehr Zeit für die Belohnung danach - schließlich will man sein Leben ja nicht nur über den Büchern verbringen.
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