Die Universität als Marmeladenfabrik
Von Phil Petracco
Wissenschaft oder Wirtschaft – wem kommt das Primat zu? Seit Aristoteles bestand ein Konsens, von niemandem ernstlich angezweifelt, dass Wissenschaft Zweck in sich selbst, die Suche nach Erkenntnis, ein Grundbedürfnis des Menschen sei. "Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen." Wirtschaft dagegen kann nur Mittel zum Zweck sein. Individuell zum Zweck der Mehrung des Wohlstands des Wirtschaftssubjektes, sei es der Betrieb, die Familie oder der Einzelne, oder volkswirtschaftlich, auf den Wohlstand der Gemeinschaft bezogen. Wirtschaftswissenschaft ist ein Zweig der Wissenschaft, der primär wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten erkennen und beschreiben will. Erst abgeleitet von den gewonnenen Erkenntnissen stellt sie die Frage nach der optimalen Ausgestaltung der Wirtschaft unter dem Ziel der Wohlstandsmehrung.
Diese seit dem Altertum respektierte Sichtweise scheint sich heute stillschweigend umzukehren. Wirtschaft wird zum Selbstzweck, dem Wissenschaft untergeordnet ist. Wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht mehr als zweckfreie nur an der Ethik ausgerichtete Triebkraft menschlicher Entwicklung gewonnen werden, sie soll sich an der Zielsetzung wirtschaftlichen Wachstums orientieren. Diese Orientierung am Wirtschaftswachstum engt aber nicht nur die Wissenschaft gefährlich ein, sie droht auch den Sinn des Wirtschaftens zu pervertieren. Wirtschaftliches Wachstum, daran sei erinnert, bedeutet zumindest in entwickelten Ländern nicht automatisch Wohlstandsmehrung, weder im Sinne eines Zuwachses an individueller Zufriedenheit, Lebensqualität oder Freiheit, noch im Sinne eines gesellschaftlichen Fortschritts, wie etwa der Armutsbekämpfung oder des sozialen Ausgleichs. Die immer weiter sich öffnende Schere in der Einkommensverteilung veranschaulicht das.
Forschung und Lehre werden nicht nur ausgerichtet auf die Anforderungen der Wirtschaft, auch ihr Wert wird gemessen anhand von Wirtschaftlichkeitskriterien, die ausschließlich dem Wachstumsziel verpflichtet sind. Die Ergebnisse dieser Messung, zu Kennziffern zusammengefasst, dienen als Grundlage für die Finanzierung der Hochschulen, auf ihnen werden umfassende "Bildungsreformen" aufgebaut. Kennziffern, die stillschweigend das Primat der Wirtschaft gegenüber der Wissenschaft anerkennen, nicht Quantifizierbares in mathematische Formeln pressen und losgelöst von ihren Grundannahmen präsentiert werden, sind jedoch sinnentleert, Ergebnis von Pseudowissenschaft. In unserer Mediengesellschaft sind sie zudem brandgefährlich, da die Verbreitung durch die Massenmedien mit weiterer Verkürzung einhergeht. Bevölkerung und Politik werden von diesen griffigen "Forschungsergebnissen" nur zu oft zu falschen Schlüssen verleitet.
Bildungsökonomen können von solchen Kennziffern gar nicht genug bekommen. Die OECD versucht, nicht nur die Bildungsprobleme weltweit auf ein System von Pisa-Punkten herunterzubrechen und legt den Regierungen nahe, dieses Punktesystem zur Grundlage ihrer Bildungspolitik zu machen. Die OECD-Forscher um Andreas Schleicher haben auch auf Heller und Pfennig berechnet, wie viel zusätzliches Wirtschaftswachstum eine Steigerung der Pisa-Punktzahl uns bringen würde. Ein durchschnittlicher Anstieg der Schülerleistung in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern um 25 Pisa-Punkte erhöhe in Deutschland die Wirtschaftsleistung um 5 Billionen Euro, bezogen auf eine Schülergeneration mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren. Eine Rechnung, die an Unsinnigkeit schwer zu überbieten ist. Groß ist aber auch das Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover bei der Erarbeitung nichtssagender Kennziffern, vom Benchmarking von Universitäten bis zur Quote von Studienabbrechern.
Dass es sich bei der Aufstellung dieser Kennziffern und Rankings um reine Pseudowissenschaft handelt, wird von den Bildungsökonomen selbst auf eindrucksvolle Weise dokumentiert. Das Fachblatt "Times Higher Education" listet englischsprachige Universitäten als mit Abstand den deutschen überlegen (die TU München steht auf Platz 55, die Uni Heidelberg auf 57 der Liste). Das kann den deutschen Bildungsforschern natürlich nicht gefallen. Also arbeitet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann Stiftung daran, ebenfalls eine internationale Rangliste aufzustellen, in der deutsche Universitäten, das lässt sich heute schon sagen, besser abschneiden werden. "Die Kriterien und Vorgehensweisen (der Times) sind nicht gut nachvollziehbar", meint Gero Federkeil vom CHE. "Der Unterschied zwischen englischen und deutschen Einrichtungen nicht so groß". In der Bildungsforschung gewinnt, wer die Prämissen setzt!
Gerade in Großbritannien zeigt sich die Abkehr vom Primat der Wissenschaft und Wendung hin zum Wirtschaftswachstum als Ziel der Bildung deutlich. Die Verantwortung für die Hochschulpolitik wurde dem Wirtschaftsministerium übertragen, das seit kurzem den Namen trägt, "Department for Business, Innovation and Skills". Nomen est Omen: Das Ministerium fordert die Hochschulen auf, verstärkt zweijährige Express-Abschlüsse anzubieten, an britischen Universitäten möge rasch und marktorientiert studiert werden. Nicht Wissen sollen die Hochschulen vermitteln, sondern "skills", also anwendungsorientierte Fähigkeiten. Erklärtes Ziel der englischen Bildungspolitik ist, wie es die Universität Cambridge in einer Antwort auf die Forderungen des Ministeriums schreibt: "aus erstklassigen Universitäten zweitklassige Unternehmen zu machen". Oder, wie der Soziologe Ulrich Beck etwas bildhafter formuliert, "die Universität als Markt-Universität nach dem Vorbild von Marmeladenfabriken umzumodeln".
Der Trend zur Marmeladenfabrik ist in Deutschland ebenfalls zu beobachten. In den Studienplänen wurde das Wort "Wissen" im Rahmen der Bologna-Reform durch das Wort "Kompetenz" ersetzt. "Exzellenz", "Effizienz" und "Modularisierung", " – "Plastikwörter", wie Beck sie nennt, sind zu Kernbegriffen dieser Reform geworden. Universitäten haben keinen Bildungsauftrag mehr, nur noch einen Ausbildungsauftrag, orientiert am wirtschaftlichen Bedarf. Die Bildung wird auf dem Altar der Nützlichkeit geopfert.
In der Welt des 21. Jahrhundert, die ja eine Welt der Wissensgesellschaft sein soll, ist die Verengung des Wissenschafts- und Bildungsbegriffs auf rein ökonomische Zielsetzungen unverständlich. Den Studierenden werden an den Universitäten Fähigkeiten vermittelt, die sie angesichts des sich immer rascher vollziehenden gesellschaftlichen Wandels in ihrem nachuniversitären Leben unter Umständen gar nicht mehr nutzen können. Universelles Wissen, die Fähigkeit, in komplexen Systemen Zusammenhänge zu erkennen, sich den Veränderungen anzupassen, schöpferisch zu denken und handeln, all das, was zweckfreie Bildung vermitteln konnte, wird ausgemerzt, wird ersetzt durch einen Ökonomismus der sich selbst mit seinem Wachstumsfetischismus ad absurdum führt. Die bis heute fehlenden Antworten der Wirtschaftswissenschaft auf die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise sind dafür ein schlagender Beweis.
Der Entzug von echter Bildung führt dazu, dass Bildungseliten Krisensituationen nicht mehr bewältigen können. Nicht nur externe Krisen, auch individuellen Krisen, die durch den Verlust einer sinngebenden Ausrichtung des persönlichen und beruflichen Lebens ausgelöst werden – die rasch wachsende Zahl der Menschen mit Burn-out-Syndrom spricht eine beredte Sprache. Von den moralischen Auswirkungen der einseitigen Hinwendung der Wissenschaft zu wirtschaftlichem Wachstum sei hier nicht die Rede, sie sind täglich aufs Neue der Presse zu entnehmen. Aber es erfordert bereits ein gewisses Maß an zweckfreier Bildung, um den Bürger mündig und demokratiefähig zu machen. Wie stark die Bildungspolitik heute dem Demokratiegedanken verhaftet ist und nicht einer Oligarchie des Geldes, sei dahingestellt.
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