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19.04.2010
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Die virtuelle Hochschule

von Kay Szantyr

Im Netz Medizin studieren? Die ersten Schritte in Richtung Allgemeinarzt kann man durchaus online gehen. Die chirurgischen Grundkompetenzen stammen aus dem "Nahtkurs" der Universität Basel. Die unterschiedlichen Anästhesieverfahren lernt man bei Annest, der Online-Lernumgebung Anästhesie, kennen. Und cme-chirurgie dient der webbasierten Ausbildung in Unfallchirurgie.

Immer mehr Angebote im Internet

Die virtuelle Hochschule

Trotz zahlreicher einschlägiger Portale wird man sicher nicht per Internet zum guten Mediziner. Viele Lerninhalte beispielsweise des Wirtschafts- oder Jurastudiums aber lassen sich problemlos virtuell, im so genannten e-Learning (auch e-Lernen), vermitteln. Und immer mehr Hochschulen bauen entsprechende eLearning-Plattformen auf. Dabei geht es nicht wie noch vor wenigen Semestern darum, die PowerPoint-Folien der letzten Vorlesung im Netz zugänglich zu machen. Professionelle Software wie Moodle, EverLearn oder Ilias ermöglichen es, den klassischen Frontalunterricht im Hörsaal durch interaktives Lernen abzulösen. Zumindest in einigen Fächern. Und zumindest in der Theorie.

Online-Studienangebote, die reguläre Seminare oder Vorlesungen ersetzen und ebenso zum Schein- bzw. Credit-Point-Erwerb beitragen, müssten den Studenten eigentlich entgegenkommen. Schließlich sind diese laut der jüngsten Studie "Studieren im Web 2.0" des Hochschul-Informations-Systems HIS ohnehin täglich online. Im Schnitt ein bis drei Stunden werden vor allem dem Austausch mit Freunden in Foren oder Communitys gewidmet. Immerhin zwei Drittel der Studierenden nutzen die sozialen Netzwerke aber auch, um mit Kommilitonen in Kontakt zu bleiben, und über die Hälfte holt sich online von den Mitstudenten Rat für das Selbststudium oder die Klausurvorbereitung. Was die anderen Studenten nicht wissen, findet sich häufig auf der Website oder dem eLearning-Server der Fakultät. Über 90 Prozent der Befragten greifen auf die online stehenden Materialien zu den Lehrveranstaltungen zurück.

Die Hochschulen basteln noch

Der Download der Skripte und Vorlesungstexte ist zwar praktisch, aber eLearning bietet viel mehr Möglichkeiten. In Learning-Content-Management-Systemen beispielsweise können ganze Seminare online gestellt, Foren und Chats eingerichtet und Tests zum Üben angeboten werden. Wenn in unterschiedlichen Studiengängen einzelne Themengebiete identisch sind, so werden diese Inhalte einfach gleich mehreren Netzseminaren zugewiesen. Eine Handvoll Systeme hat sich hierbei durchgesetzt. Sie heißen Moodle, Blackbord, Ilias - oder EverLearn. Dieses Learning-CMS verwendet beispielsweise die Ludwig-Maximilians-Universität München.

Von Mikroökonomie bis zu den Grundlagen der Soziologie reichen die Kursangebote auf dem LMU-Server. Allerdings wird rasch deutlich, dass das Online-Lernsystem - wie an den meisten Hochschulen - erst im Aufbau begriffen ist. Pro Fakultät stehen lediglich ein, zwei Kurse zur Verfügung. Die Münchner Studierenden, die die Vorteile des eLearning intensiver nutzen wollen, muss das aber nicht stören: Alle Studenten im Freistaat haben kostenlos Zugriff auf die Virtuelle Hochschule Bayern und damit auf ein umfangreiches Kursangebot.

Ähnliche "Virtuelle Hochschulen" gibt es auch in anderen Bundesländern, so zum Beispiel den Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz. Die Projekte entstanden meist im Rahmen der Förderinitiative "Neue Medien in der Bildung, Bereich Hochschule" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Auch die Plattform e-learning.org gründet auf der Unterstützung des BMBF und bietet den Dozenten Informationen, wie sie das eLearning im Lehrbetrieb sinnvoll einsetzen können.

Mehr Informationen brauchen offenbar auch die Studierenden. Zwar gaben in der HIS-Studie 35 Prozent an, dass es interaktive Studienangebote an ihrer Hochschule für ihr Fach gebe. Genutzt werden diese aber lediglich von 22 Prozent der Befragten. Bei so wenig Nachfrage werden es die Hochschulen überlegen, wie intensiv sie die Angebote überarbeiten und erweitern. Gegner der virtuellen Seminare mögen das begrüßen - sie werfen den Universitäten vor, durch den Umstieg auf die Online-Lehre Geld und Personal zu sparen.

Die Vorteile des eLearning

Dabei bietet das Studium im Netz den Studierenden viele Vorteile. Seit Einführung der Bachelor-Programme wird schließlich immer wieder über die straffen Stundenpläne geklagt, die wenig Zeit für extrauniversitäre Beschäftigung - beispielsweise Geldverdienen - lassen. Online-Seminare ermöglichen eine flexiblere Zeitplanung. Zwar sind regelmäßige Tests an festgesetzten Terminen zu absolvieren. Wann er aber an der "Vorlesung" teilnimmt, kann der Studierende selbst entscheiden.

Vielen Menschen erleichtert auch die Stoffaufbereitung in Form von Grafiken und Animationen das Lernen. Zwar ist die Theorie von den visuellen oder auditiven Lerntypen umstritten - gesichert ist jedoch, dass die möglichst vielseitige Präsentation von Fakten, in Texten, Bildern und interaktiven Elementen wie Onlinetests und -spielen, dabei hilft, sich später an den Stoff zu erinnern. Wer sich dennoch schwer tut, kann die einzelnen Lektionen eines eLearning-Seminars beliebig oft wiederholen. Das funktioniert mit "Live-Vorlesungen" leider nicht. Daher wird im Hörsaal verzweifelt mitgeschrieben - was wiederum das unmittelbare Lernen erschwert.

Ein weiterer Vorteil von Online-Seminaren ist, dass sich jeder die Lernatmosphäre suchen kann, die ihm behagt. Das ist für den einen ein kleines Café, für den anderen eine Wiese im Park, und der Dritte kann nur pauken, wenn er sich in seinem Zimmer einschließt. Die zuweilen unruhige Umgebung eines Hörsaals in der Uni ist dagegen für die wenigsten ideal, um effizient zu lernen.

Dazu kommt, dass in klassischen Seminaren und Vorlesungen häufig Teilnehmer mit einem unterschiedlichen Wissensstand zusammentreffen. Der ist im Kurs selbst praktisch nicht auszugleichen und kann nur durch Nachlernen des Nicht verstandenen nach jeder Unterrichtseinheit kompensiert werden. Der e-Lernende unterbricht dagegen das Web-Seminar einfach und schlägt nach, was er nicht versteht. Vermutlich bei Wikipedia - das Internetlexikon nutzen immerhin 60 Prozent der von HIS Befragten häufig oder sehr häufig. Und gut die Hälfte der Studierenden hält die Angaben, die dort zu finden sind, für verlässlich.

...und die Nachteile des Studiums im Internet

Wer aber lediglich die Skripte im Internet durcharbeitet und online nach weiteren Erklärungen recherchiert, der kann statt im Netz auch in der Bibliothek aus einem Buch lernen. Hier zeigt sich: Der Vorwurf, die Hochschulen würden durch die Online-Angebote Personal einsparen, kann bei guten virtuellen Hochschulen nicht stimmen. Dort wird jedes Seminar durch einen Tutor betreut. Er muss den Studierenden während festgelegter Zeiten zur Verfügung stehen und auch außerhalb dieser "Sprechstunden" E-Mail-Anfragen zügig beantworten. Sonst kann es leicht passieren, dass ein Kursteilnehmer mit dem Lernen in Verzug gerät, weil er etwas nicht versteht.

Wesentlich besser als Sprechstunden aber sind regelmäßige Chats oder Forenrunden. Werden diese zum Pflichtelement des Online-Seminars, so schränkt das die Flexibilität der Teilnehmer zwar etwas ein. Es stellt aber im Gegenzug sicher, dass niemand die Seminarinhalte missversteht und sich falsches Wissen aneignet. In diesen virtuellen Diskussionsrunden muss der Tutor nicht nur als Lehrkraft, sondern gleichzeitig als Moderator agieren. In realen Seminaren würde er zurückhaltendere Teilnehmer immer wieder direkt ansprechen und dominante Personen bremsen. Im Netz fällt es weniger auf, wenn sie sich Einzelne aus der aktiven Diskussion zurückziehen.

Visuelles Lernen fällt zwar vielen Menschen leicht. Am Bildschirm zu lernen aber strengt deutlich mehr an als ein Buch zu lesen. Insbesondere, wenn die Seminarinhalte nicht an die Gegebenheiten des Internets angepasst wurden und als trockene Textwüsten daherkommen. Dann hilft nur noch, sich die Unterlagen auszudrucken - ein teuerer Spaß. Und weil eine Textwüste auch im Ausdruck eine solche bleibt, erfordern schlechte Online-Seminare große Selbstdisziplin. In einer langweiligen Vorlesung im "First life" könnte man sich schließlich wenigstens mit dem Sitznachbarn unterhalten.

Nicht zuletzt ist nicht alles, was sich in ein Web-Seminar pressen lässt, wirklich für die "Laptop-Universität" geeignet. Auf dem Server der Virtuellen Hochschule Bayern wartet beispielsweise ein Kurs über interkulturelle Kompetenz auf Teilnehmer. Die können sich also online das Verständnis und Fingerspitzengefühl für den Umgang mit fremden Kulturen aneignen. Oder eben auch nicht.

studilux/ks

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